Roman Stöppler

23. März 2022

WAS HAT ANGST MIT KONDITIONIERUNG ZU TUN? UND WAS IST KONDITIONIERUNG ÜBERHAUPT?

Die meisten haben schon einmal gehört von dem russischen Forscher Pawlow, der Hunde dazu brachte sich auf Essen zu freuen, wenn sie einen Gong hörten. Eigentlich weiß man gar nicht, ob sich die Hunde wirklich auf Essen freuten. Wer kann schon in einen fremden Kopf kucken. Er hat Hunde dazu gebracht zu sabbern, wenn sie einen Gong hörten und das hört sich dann schon seltsamer an. Wie hat er das aber hingekriegt, diese seltsame Verknüpfung?

Er hat einfach jedes mal wenn er einen Gong schlug den Hunden Fleischpulver in die Lefzen gerieben, woraufhin diese (ganz natürlich) anfingen zu sabbern. Die Verknüpfung der beiden Reize, also des ursprünglich neutralen Gongs und der natürlichen Speichelreaktion ist die Konditionierung. Ertönt ein Gong, sabbert der Hund. Dies ist ein fundamentaler Fortschritt in unserer Erkenntnis über Lernen gewesen und Pawlow hat dafür einen Nobelpreis erhalten.

Im Alltag könnte man auch von Gewohnheiten sprechen, also gewohnheitsmäßigen Reaktionen (die ja auch gelernt sind). Und wie es im Sprichwort so schön heißt: Gewohnheiten sind am Anfang Spinnweben um am Schluss Ketten. Das heißt jedes Mal, wenn etwas Gewohnheitsmäßig abläuft, wird die Konditionierung verstärkt.

Wissenschaftlich hört sich das viel komplizierter an und alle die keine Nerds werden wollen, können diesen Absatz überspringen. Wissenschaftlich wird aus einem neutralen Reiz (Gong), durch die zeitliche Nähe zur natürlichen also unkonditionierter Einheit von Reiz und Reaktion (Fleischpulver und Speichelfluss), eine Verknüpfung geschaffen. Und so wird der Gong zum konditionierten Reiz und der Speichelfluss zur konditionierten Reaktion. Das ist im Groben die klassische Konditionierung, eine Art des „Lernens“.

Übertragen auf Angst- oder Panikzustände erzeugt dieses Lernen Angst vor der Angst. Irgendwann wird das erste Angstzeichen als aufkommende Panikattacke interpretiert, was uns derart in Angst versetzt, dass dies alle anderen Gedanken ausblendet. Es geht nicht mehr um Ursachen oder Sinn, die Angst hat sich durch Konditionierung verselbständigt.

Ursprünglich hatten wir ein Symptom gehabt wie Herzrasen oder kalter Schweiß, vielleicht nur weil der Kreislauf ein wenig schwach war und uns beim Aufsetzen schwindelig wurde oder aber weil wir 4 Stockwerke hochgerannt sind. Eine leichte Neigung zur Angst lässt uns diese Symptome missinterpretieren als klare Signale, dass etwas mit dem Körper nicht stimmt. Der Herzinfarkt droht, man könnte sterben.

Die natürliche Einheit von Reiz und Reaktion (Treppe hochlaufen und Herzklopfen) wird durch die zeitliche Nähe zu den Gedanken über den Tod zu einer konditionierten Todesangst  (Herzklopfen – Todesangst), die jedes Mal einsetzt, egal warum das Herz klopft. Der Lernprozess kann sich also auch auf eine Missinterpretation beziehen, so wie der Gong mit Essen erst einmal nichts zu tun hat.

Dazu kommt in einem zweiten Schritt das operante Konditionieren. Das ist wenn ein Verhalten belohnt wird oder Linderung verschafft, was letztlich auch eine Belohnung ist.

In unserem Beispiel hieße das: Vermeidung der Situation die uns Angst bereitet. Wenn wir also denken in sozialen Situationen nicht so gut zu sein und uns das Herzklopfen bereitet, wir beim Bahnfahren oder beim Anstehen in der Schlange Panik bekommen (aufgrund des Herzklopfens, s.o.) dann vermeiden wir das in Zukunft. Wir fahren einfach nicht mehr mit der Bahn oder stehen an und merken dass es uns damit besser geht. Das Vermeidungsverhalten wird belohnt.

Das Problem am Vermeidungsverhalten ist jedoch, dass wir keine Gelegenheiten mehr bekommen zu lernen, dass gar nichts passieren würde. Die operante Konditionierung verstärkt also den Effekt der klassischen Konditionierung und mit der Zeit entwickelt sich die Angst vor der Angst selbst, ohne das wir noch wissen, wie alles wirklich zusammenhing. Wir vermeiden, was wir neu bewerten sollten und könnten.

Die Verhaltenstherapie konfrontiert daher (begleitet und in Sicherheit) ganz bewusst mit diesen Situationen um den Lernprozess neu zu starten. Sich solchen Situationen auszusetzen und neu zu lernen, dass wir nicht sterben bringt uns zweierlei. Wir heben durch Aushalten der Situation die klassische Konditionierung auf, indem wir erkennen Herzklopfen bedeutet nicht Todesgefahr. Wir bekommen so die Freiheit den Zusammenhang von Herzklopfen und Angst neu zu hinterfragen. Ist es weil ich die Treppe raufgerannt bin oder weil ich Angst habe mich zu blamieren? Indem wir den Zusammenhang erkennen lernen, wird es fassbar und nimmt uns zuerst einmal die Angst vor der Angst (Ich gerate in Panik, weil ich die Panik aufkommen fühle) und gibt damit Platz für nue Sichtweisen.

Die Systemische Therapie versucht es mit Entspannung, den Blick weg von den Dingen die nicht funktionieren auf die Dinge zu lenken die funktionieren. Denn verbreitet bei Angst und Depressionen ist globales Denken („Alles ist Scheiße; Ich werde auf jeden Fall sterben; …“). Aber es passieren auch immer genug gute Dinge. Das was wir trotz aller Hindernisse hinkriegen. Es gibt genug was sich gut anfühlt, aber oft blenden wir das aus, da die Angst alles andere überdeckt.

Was können sie selbst tun? Ohne Nebenwirkungen sind Entspannungsübungen, Meditation, autogenes Training. Genuss üben, sich die schönen Dinge bewusst machen. Erfolge Feiern. Man kann sich Abends zum Beispiel gute Noten geben für alles was am Tag gut geklappt hat und nicht darauf blicken was nicht funktioniert hat. Das schafft Zuversicht. Die Welt ist nicht so schlecht wie wir fürchten. Daher sollte man genaus das tun wovor man Angst hat. Sich sozialen Situationen aussetzen, tief einatmen die Brust strecken und nach und nach den Schwierigkeistgrad steigern. In einem zweiten Schritt kann man auch hinterfragen, was einem das Symptom ermöglicht. Ja sie haben richtig gelesen. Die Systemische Therapie geht davon aus, dass Symptome immer Sinn machen. Was könnte aber der Sinn von Panik sein? Z.B. nicht erwachsen werden zu müssen, keine Verantwortung zu übernehmen, die Familie die man liebt nicht zu verlassen. Oder Kind zu bleiben, weil man hofft die Liebe noch zu bekommen die man immer vermisst hat. Irgendeinen „guten“ Grund gibt es immer.

Den zu erkennen geht aber sicher leichter mit einem Profi an Ihrer Seite. Und auch sich mit Situationen konfrontieren die schwierig sind sollte man klein beginnen und am besten mit professioneller Hilfe.

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