Jeder Satz den wir sprechen, auch zu uns selbst, also auch unsere Gedanken, verändert unser Gehirn. Synapsen werden gebildet oder ausgedünnt, Muster damit verstärkt oder geschwächt. Erinnerungen sind ein spezieller Fall. Jedes Erinnern ist nicht ein Stärken der Muster sondern ein Neu- und meist auch Umschreiben. Das festigt den Kern, verändert aber auch die Details.
Wir identifizieren uns mit diesen Erinnerungen im Glauben, dass sie festgeschrieben sind. Wir identifizieren uns mit den Konzepten die stark mit unserem Frontallappen assoziiert sind. Wir denken das zu sein was wir denken.
Wie in allem und wie eingangs angedeutet ist hier Bewegung drin (nichts ist ewig außer dem Wandel). Sie ist meist langsam, aber auch stetig. Identität setzt sich dabei zusammen aus Klarheit des Selbstkonzeptes, moralischen Eigenschaften, Vorlieben Erfahrungen, Erinnerungen und dem was man gemeinhin als Persönlichkeit ansieht. Bestimmte Faktoren bleiben sehr stabil (Big 5, wobei hier auch Veränderungen über die Lebensspanne gut erforscht sind). Andere verändern sich durch neue Erfahrungen oder Beeinflussung. Passend zu dieser Flexibilität (Schwartz et al. 2011, Klimstra et al. 2010) wird der Begriff der Identität in der gegenwärtigen Zeit gegen den Begriff der Narration ausgetauscht. Dieser drückt das Fluide daran besser aus, zu dem auch die Erkenntnis, über Neuroplastizität gehört.
Identität war langer Synonym mit ‚Ich‘ und ‚Selbst‘. Aber auch diese sind heute gebrochener als noch vor wenigen Dekaden. Wir beginnen keine Lehre mehr bei Daimler und gehen dort in Rente. Wir sind flexibel, arbeiten und leben an vielen Stationen, sammeln unterschiedliche Erfahrungen und - verändern uns dabei. Diese Veränderung fand dabei unbemerkter schon immer statt, in jedem Moment, mit jedem Gedanken. Auch wenn sie in alter Zeit deutlich geringer ausfiel, da die meisten Menschen immer die gleichen Erfahrungen machten und die immer gleichen Gedanken dachten. Beides hat seine Vorteile. Das eine bringt Stabilität und damit Sicherheit, das andere zwingt uns in die Offenheit neuer Erfahrungen und macht damit Flexibel und im besten Falle resistent bzw. resilient.
Als Kind dieser neuen Zeit sehe ich eher die positive Herausforderung aber auch den Gewinn und nicht die Bedrohung in der mangelnden Stabilität. Das Leben ist ein Abenteuer und mein Gehirn hat alles um auch die wildeste Fahrt zu bewältigen. Die dafür notwendige Flexibilität und das darin liegende Vermögen der neuronalen Plastizität ist der Kern der Kognitiven Verhaltenstherapie. Vermögen steht dabei nicht nur für Reichtum sondern auch für das Verb etwas zu vermögen, etwas zu können.
Ein Satz den ich in Sitzungen oft äußere, wenn Menschen mit ihrem Leben hadern, wenn Herkunft und Belastungen sie zu Boden drücken, Liebe fehlte und damit Bindung und Führung, ist in Richtung lösungsorientiertes Denken und Handeln: „Das Gute ist, Sie sind nun erwachsen und Sie können tun was Sie wollen. Sie können verzagt auf die Probleme der Vergangenheit blicken und hoffen dass da noch die Liebe kommt, nach der Sie sich- nach der sich jedes Kind so sehnt - oder Sie können sich entwickeln, können sich diese Liebe selbst geben. Da ist niemand mehr, der für Sie verantwortlich ist. Sie wird nicht kommen die ersehnte Bestätigung der Eltern. Irgendwann sind diese nicht mehr in der Lage, nicht mehr Verantwortlich oder einfach weg. Aber einen gibt es der Ihnen diese Liebe geben kann, der immer da ist und ihr bester Freund im Alter und das sind Sie selbst.“
Das ist kein Appell für mehr Egoismus. Es ist ein Appell für Selbstfürsorge. In der Dimension sozialer Orientierung mit den Polen Ego- und Altruismus, ist Selbstfürsorge die goldene Mitte. Die Mitte zwischen ‚Ich bestimme selbst, ob ich den Weg weitergehe aus Gewohnheit‘, einen Weg der mich immer stärker prägt, der Gewohnheiten zu Ketten macht oder ob ich offen bleiben will, mich erforschen und entwickeln und dazu auch etwas ändere. Die Frage ist, ob ich das will. Und viele stellen sich erst an einem Tiefpunkt die Frage, ob sich das überhaupt lohnt und ob es machbar ist.
Die Antwort ist eindeutig ‚ja’. Das ist der Kern Kognitiver Verhaltenstherapie. Tausende kleine Schritte führen Menschen in Ängste, Depressionen oder Zwänge, in Selbstzweifel oder die Falle des Narzissmus. 20 Jahre sind rund 7300 Tage, 7300 mal oder öfter manifestiere ich mich durch dysfunktionale Gedanken: ‚Ich bin nicht liebenswert‘ oder ‚ich muss funktionieren‘ sind dabei die häufigsten Glaubenssätze die Menschen an Entwicklung hindern.
Mit der richtigen Affirmation (aber das ist ein anderes, nicht einfaches Thema) kann ich jedoch jeden Glaubenssatz mit Hilfe neuronaler Plastizität umbauen. Eine Fleißarbeit, aber nicht unmöglich. Wenn ich die richtige Affirmation finde und sie auf mein Handyhintergrundbild packe und mein Handy, sagen wir 30 Mal am Tag ansehe, rund 200 Mal in der Woche, 800 Mal im Monat, dann kann ich in 10 Monaten die Arbeit von 20 Jahren nachholen bzw. überschreiben.
Zugegeben ein sehr theoretisches Modell, das schwieriger ist als es sich anhört. Viele Menschen haben viel häufiger als 1x am Tag gedacht sie seien nichts wert. Aber es ist eine Möglichkeit zumindest (vorausgesetzt man findet die richtige Formulierung, bei der die inneren Zweifler und Abwerter mitgehen) den dysfunktionalen Glaubenssatz aufzuweichen. Das Schwierige daran ist eher das Dranbleiben. 10 Monate sind eine lange Zeit und viele innere Kräfte wollen uns Scheitern sehen (Die Abwerter und Zweifler oft in Form der inneren Mutter oder des inneren Vaters). Andere wollen nicht das wir die Sicherheit unserer ‚Identität‘ verlassen, denn was werden wir dann sein?
Den entscheidenden Unterschied - die Veränderungsmotivation - bringt der Leidensdruck. Gibt es ihn nicht, gibt es keinen Handlungsbedarf. Und wenn Sie sich jetzt sagen ‚da hab ich ja nochmal Glück gehabt‘ sollten sie nochmal hinschauen. Selbstbeobachtung ist ein guter Anfang für den Beginn der immer neuen Narration. Wenn ich mich sowieso ständig ändere (alles fließt), will ich es dann nicht steuern? Wie will ich meine Zeit verbringen? Will ich weiter ‚Du musst funktionieren, Du musst perfekt sein, Du musst immer für andere da sein‘ oder ‚ich bin nicht liebenswert‘ oder das genaue Gegenteil ‚ich bin großartig‘ über mein Leben bestimmen lassen oder will ich meine Zeit damit verbringen - jetzt wo ich erwachsen bin und tun kann was ich will - mich selbst zu finden. Selbstbeobachtung ist dabei immer der erste Schritt. Das bedeutet sich nicht zufrieden geben, mit den Antworten die man schon immer hatte. Nicht bestimmt zu sein, von den Sätzen die einem anerzogen oder aufgezwungen wurden. Nicht dem Urteil zu glauben - welchem auch immer - denn Urteile sind uns von der Umgebung, der Herkunft angedient worden, sind Vor-Urteile. Von Lehrern und Eltern von Bezugspersonen die wir schätzen, sei es der Pfarrer oder der Bademeister. Wenn wir Glück hatten haben sie gesagt ‚du bist aber schlau / hübsch / begabt‘ und wenn es schlecht lief haben sie ihre Emotionen reguliert mit uns als Blitzableiter und uns beschimpft wir seinen keine 5 Pfennig wert / nicht liebenswert / könnten nichts.
Damit sind aber alle Urteile von jemandem anderen an uns herangetragen. Sind nicht von uns selbst erarbeitet. Damit sind alle Urteile wie gesagt Vor-Urteile und die Kunst ist es diese zu überwinden, indem wir uns selbst finden.


