Roman Stöppler

1. März 2026

Warum ist es so schwer sich zu ändern? und was sind Kognitive Muster?

Warum kann ich nichts ändern? Aber stimmt das überhaupt? Sollte die Frage nicht eher lauten, warum ändere ich nichts? Oder, um nicht so viel Schuld reinzupacken: warum schaffe ich es nicht etwas zu ändern? Was steht also Änderung entgegen. 

Negative Formulierungen vermeiden

Vielleicht ist schon die Art der Frage Teil des Problems. Die Schuld die mitschwingt habe ich gerade angesprochen. Und tatsächlich ist das einzige Fragewort, das in der systemischen Therapie in Misskredit gefallen ist „warum“. Im Wort „warum“ schwingt immer schon ein Vorwurf mit. Warum kann ich nichts ändern hat deshalb etwas von „Versagen“. Das zweite Problem mit der Frage, warum ich nichts ändern kann ist das „nichts“. Erstens ist das defizitäre Sprache d.h. sie formuliert negativ. In diesem Fall ein „nicht“. Und zweitens ist es ähnlich wie eine Generalisierung (nie, immer, konnte ja nicht klappen…). Es wäre also besser ein anderes W-Wort zu nutzen, also "was, wie, wieso, wann, weshalb, wer" und so weiter und dazu positiv zu formulieren. Probieren Sie sie einfach mal durch: Wann kann ich was ändern - oder - wer kann was ändern? Das hört sich doch deutlich Lösungsorientierter an. 

Aber selbst wenn das „nicht“ erhalten bliebe, würde ein Austausch des „warum“ gegen ein andere W-Wort das Ganze stark verändern. Ich wähle als Ersatz für „warum“ standardmäßig „wieso genau"… kann ich nichts ändern, „was steht dem im Weg“, was dazu führen sollte, dass ich ohne Schuld und Scham, ganz funktional, an die Frage herangehen kann, also nicht in die Abwehr gehe oder in Schuld dysfunktional versinke. Im zweiten Schritt kann ich mich dann fragen, wie und was kann ich wann ändern, also das „nicht“ auch noch eliminieren, lösungsorientiert sein. 

Kognitive Muster sind Gewohnheiten

Es gibt meistens einen Grund, ein Bedenken, welches sich uns in den Weg stellt besser zu Fragen, also weniger Schuld „mit auf den Platz zu nehmen“. Ich sage bewusst „mit auf den Platz nehmen“, denn die meisten können sich mit dieser Sportmetapher identifizieren. Wenn ich rausgehe und denke „das kann ich nicht gewinnen“ dann wird es sicher sehr viel schwerer die Leistung abzurufen, die eigentlich da wäre.

Warum…, oder besser, woran genau liegt es also, dass es manchen Menschen leichter fällt diese Widerstände zu überwinden. Oder noch genauer: dass viele Menschen, obwohl sie wissen, dass sie sich gerade wieder mal im Weg stehen, das nicht so leicht ändern können?

Schuld daran sind unsere vertrauten kognitiven Muster - unsere Art zu denken. Bisher sind wir damit ja ganz gut zurecht gekommen. Sind wir? Der Mensch ist, was den Blick auf sich selbst angeht ein hoffnungsloser Optimist und das zu Recht, denn so nimmt er die Hoffnung „mit auf den Platz“. „Das wird schon“ und „irgendwie krieg ich das hin“ ist zumindest besser als „das kann ich nicht gewinnen“. Und irgendwie haben wir es bisher ja auch hinbekommen - sonst wären wir vielleicht nicht mehr hier. 

Neues kostet Energie, altes fühlt sich so schön vertraut an

Ganz nach dem Motto „never change a winning team“ und noch viel stärker „Don’t touch a running system“ wird also sehr ungern Neues ausprobiert, wenn der Leidensdruck nicht allzu groß ist. Man könnte es auch anders ausdrücken: Meine kognitiven Muster sind mir so vertraut, dass ich mich darin irgendwie zu Hause fühle. Und das will ich nicht hergeben solange, um in der Metapher zu bleiben, es nicht durch das Dach hereinregnet oder der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht. Wenn es also nur im Keller ein wenig schimmelt, dann behalte ich die Hütte, dann ändere ich meine kognitiven Muster nicht, auch wenn diese nicht optimal sind.

„Ich war schon immer so“ ist ein Satz der viel verrät, denn er bedeutet „das ist für mich normal“. Das ist oft auch ein Hinweis auf Persönlichkeitsakzentuierung. Angstlich-vermeidend und emotional-instabil sind dabei die beiden Akzentuierungen die sich am häufigsten in Kliniken wiederfinden - was ja aber ein Glück wäre, denn in einer Klinik zu sein hieße, dass es durchs Dach regnet, also die für uns so „normalen“ Muster nicht mehr taugen, es sei denn wir mögen es feucht, jeden Tag Gerichtsvollzieher oder nervende oder gar feindliche Nachbarn oder Massen von Rechnungen im Briefkasten. In einer Klinik zu sein hieße also, dass es so stark reingeregnet ins Gemüt, dass man sich Hilfe geholt hat. Der Handwerker, Schuldnerberater oder Schlichter ist in dem Fall dann die Reha oder Psychotherapie.

Persönlichkeitsentwicklung ist eine normale Lebensaufgabe und Fähigkeit

Um den kleinen Exkurs über Persönlichkeitsakzentuierung oder sogar -Störung zu Ende zu führen, „Never touch a running System“ sagt ja nichts über die (Lebens)Qualität des Systems aus. Mehr Pech haben also jene bei denen „es schon immer so war“ und die gar keinen Grund sehen einen Handwerker zu rufen. Die sitzen im Haus ohne Dach und finden das feuchte Wetter toll. Oder reden sich ein, dass sie schon immer Fans von englischem Wetter waren. Vielleicht können sie sich auch einfach an nichts anderes erinnern. Sie sind in ihren dysfunktionalen kognitiven Mustern einfach zu Hause und wissen nicht, dass das auch anders ginge oder trauen dem Braten nicht, wenn es ans Ändern gehen soll, denn - es könnte ja auch schlimmer werden.

Angst vor neuem, ab wann ist sie ungesund?

Wie könnte ich also etwas ändern? Wie gehe ich an die Sache ran. Wie kann ich mich aus dem Fenster lehnen und meine vertrauten kognitiven Muster weniger attraktiv als das Unbekannte finden? Wie wäre es mit einem Umbau ohne Umzug. Also keine Kernsanierung, sondern kleinere Maßnahmen im laufenden Betrieb. Mal das Bad, mal den Keller, je nach Dringlichkeit vielleicht auch zuerst das Dach. Wie kann ich aber verhindern Angst davor zu haben, dass wenn ich jetzt an das Dach gehe, da möglicherweise noch der Holzwurm sich zeigt, ich alles abreißen muss, 6 Monate oder länger ganz ohne Dach und Schutz dastehe…? Ich habe das Schlüsselwort schon genannt: Angst. Wann ist sie begründet, wann ein Hemmschuh. Man sagt ja: Angst ist kein guter Berater, aber auch Vorsicht ist die Mutter der Porzelankiste. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Wenn Angst Veränderung bremst, Entscheidungen blockiert ist sie zu viel. Dabei spielen Erinnerungen eine zentrale Rolle. Aber wir unterscheiden vor allem zwischen emotionalem Gedächtnis (Amygdala), episodischen- (Der Urlaub 2018) und prozeduralen (wie macht man was) Gedächtnis. Unsere kognitiven Muster sind Erwartungen. Erwartungen gebaut aus Erinnerungen. Bremst uns die Angst, ohne in entsprechender episodischer oder prozeduraler Erinnerungen bestätigt zu werden, dann sollte man genauer hinschauen.

Der Übermensch hätte einen Sehnerv dick wie ein Elefantenrüssel

Zurück zum Punkt: Unser Gehirn ist eine Prognosemaschine, die Erinnerungen sind der Brennstoff. Es macht den ganzen Tag nichts anderes als Dinge suchen, die es erwartet, denn das spart Energie und Datendurchsatz. Unser Gehirn könnte gar nicht alles verarbeiten was da kommt. Alleine alle Daten bewusst zu verarbeiten die auf das Auge prasseln, bräuchte einen Sehnerv so dick wie ein Elefantenrüssel. Um das zu umgehen hält das Auge Ausschau nach dem was der Kopf erwartet und erhöht damit die Trefferquote sehr effizient. Woher kommen aber die Erwartungen, was heißt „gebaut aus Erinnerungen“, was formt unsere kognitiven Muster?

Evolutionäre Energiespar-Hardware trifft sozial erbaute Software

In der Systemischen Therapie spricht man vom Konzept der „sozialen Konstruktion der Wirklichkeit“, die Erwartungen sind also aus der Umwelt-, von der Umwelt geformt. Wir lernen als Kind Gleichgewicht, Laufen, Reden, Rangordnungen, soziale Interaktion meist durch Belohnung und Bestrafung. Wenn wir das Gleichgewicht noch nicht halten können fallen wir und das tut weh, also werden wir sehr schnell besser darin. Wir lernen nichts Dummes zu sagen, denn auch das tut weh, indem wir gemieden oder bestraft werden. Wir formen unsere Erwartungen durch unsere Erfahrungen. Sie sind die Datengrundlage für die Prognosemaschine. Wenn alles dann läuft brauchen wir Bestrafung nicht mehr so zu fürchten. Wenn aber etwas Neues passiert kostet das viel Gehirnschmalz um Bestrafung oder Schmerz zu vermeiden. Unsere Kognitiven Muster sind diese Erwartungen und sie mögen das Unbekannte nicht.

Ratschläge sind auch Schläge

Und dann kommt der Therapeut oder ein guter Freund, eine besorgte Freundin und sagt z.B. „trink doch nicht so viel, das tut Dir nicht gut“, aber ich trinke doch vielleicht gerade um „es“ besser zu ertragen oder an etwas nicht zu denken und das hat sich ziemlich lange bewährt. Ich habe ja auch nicht gestern damit angefangen und gleich Vollgas gegeben, sondern ich bin Profi, ich habe lange gebraucht und mit kleineren Mengen getestet, ob ich das vertrage und es mir wirklich Erleichterung verschafft. Inzwischen kann ich trinken und funktionieren, also alles kein Problem? Das einzige Problem ist die Freundin, die einem Ratschläge geben will, denn Ratschläge sind auch Schläge. Sie wollen meine kognitiven Muster in denen ich mich so gemütlich eingerichtet habe erschüttern.

Kognitive Dissonanz - wir sind Weltmeister diese zu minimieren

Die Antwort auf die Frage, warum es so schwer ist sich zu ändern, liegt also darin, dass wir Menschen uns in unserer gewohnten Welt, in unseren Vorstellungen und Erwartungen ziemlich zu Hause fühlen, dass es die energiesparendste Methode ist über den Tag zu kommen. Insgeheim weiß ich natürlich, dass das nicht gut für mich ist. Ich habe viel darüber gehört und vielleicht gelesen. Ich weiß, dass ich die Wahrscheinlichkeit erhöhe früher zu sterben, wenn ich trinke oder rauche. Dass ich dennoch trinke führt zu einer kognitiven Dissonanz, einer Ambivalenz, einer Zerrissenheit. Das eine ist eben Wissen, das andere sind meine kognitiven Muster, also hier eher Automatismen die Energie sparen. Dass ich es also schaffe den Gewohnheiten zu folgen, die Automatismen nicht zu ändern, liegt einerseits im sonst nötigen großen Aufwand (Energie, Logistik, sich dem Unbekannten stellen) und der viel leichteren Möglichkeit diese kognitive Dissonanz zu minimieren: „Also so ganz sicher ist es ja doch nicht, dass man früher daran stirbt. Es ist ja nur eine Wahrscheinlichkeit. Und es mindert ja meinen Stress. Und es gibt sicher auch Studien die was anderes sagen. Und es schmeckt so gut“ und und und. 

Wir Menschen sind sehr begabt in der Minderung kognitiver Dissonanz und auch in der Tatsache unsere kognitiven Muster als Realität anzusehen, als einzige Wahrheit (Rationalismus). Wenn man es aber mal genau betrachtet, gibt es so viele Wahrheiten wie Köpfe die darüber nachdenken (das wäre dann Konstruktivismus). Und da wir unsere Wahrheit als soziale Konstruktion von der Umwelt haben, als von jemanden (oder etwas), der diese Wahrheit oder eine ähnliche schon vor uns hatte oder diesen Eindruck in uns konstruiert hat (Modelllernen) in Wechselwirkung mit allem anderen, sind alle unsere Urteile und unsere Erkenntnis über die Wahrheit Vor-Urteile, denn wir haben sie ja von jemandem der sie vor uns hatte. Damit wissen wir jetzt auch warum es so schwer ist Vorurteile zu ändern. Denn auch Vorurteile sind wie Vor-Urteile einfach nur kognitive Muster, die es uns schön gemütlich machen. Ein Sprichwort beschreibt es sehr treffen: Gewohnheiten sind am Anfang Spinnweben und am Schluss Ketten!